Anspruch auf Mindestlohn im Praktikum.

Anspruch auf Mindestlohn im Praktikum.
Das 2015 in Kraft getretene Mindestlohngesetz (kurz MiLoG) soll die Leistung von Praktikanten endlich mit einem gerechten Stundenlohn honorieren. Wir geben einen Einblick in Praktikantengehälter, stellen die gesetzlichen Regelungen vor und lassen die bisherigen Auswirkungen Revue passieren. Außerdem verraten wir dir, wie du das passende Praktikum mit gerechter Bezahlung findest.

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  1. Insights aus dem Praktikantenspiegel: Gehalt im Praktikum.

    Wer wie viel Gehalt im Praktikum erhält und wie wichtig den Praktikanten eine Vergütung ist, zeigt der aktuell veröffentlichte CLEVIS Praktikantenspiegel. Hier wurden 5.547 Praktika von 53,68 Prozent weiblichen und 46,63 Prozent männlichen Teilnehmern, die zwischen 23 und 25 Jahren alt waren und damit der Generation Y angehören, bewertet. Die meisten Praktikanten der Studie befinden sich zum Zeitpunkt der Befragung im Studium der Wirtschaftswissenschaften. Bewertet wurden 315 Unternehmen, der Großteil aus der Konsum- und Gebrauchsgüterbranche. Zentrale Erkenntnisse waren:

    • Das durchschnittliches Monatsgehalt von Praktikanten beträgt 1.032,52 Euro.

    • Der durchschnittliche Mehrverdienst im Vergleich zum Vorjahr liegt bei 82,09 Euro.

    • 97,02 Prozent aller Praktikanten bekommen eine Vergütung, davon waren 47,1 Prozent Pflichtpraktikanten, die nicht bezahlt werden müssen.

    • Innerhalb von Deutschland existiert beim Praktikantengehalt ein deutliches Ost-West-Gefälle mit Ausnahme von Berlin. Die Städte Hamburg, Bremen, Baden-Württemberg, Berlin und Bayern sind aufgrund ihrer Wirtschaftskraft als Bundesland weit vorn.

    • Master- und Bachelorabsolventen verdienen im Praktikum generell mehr als noch im Vorjahr. Bachelorstudierende verdienen in der Regel durchschnittlich 849,22 Euro brutto.

    • Männliche Praktikanten verdienen signifikant mehr als weibliche Praktikanten, was allerdings auch darauf zurückzuführen ist, dass Männer und Frauen oft in unterschiedlichen Branchen und Berufen tätig sind – auch schon im Praktikum. Die in Summe positive Entwicklung des Praktikantengehalts hat natürlich auch mit dem Mindestlohn zu tun.

  2. Mindestlohn in Deutschland.

    Ich werde die Generation Praktikum beenden.

    Andrea Nahles, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, auf welt.de: 'Ich beende das Modell der Generation Praktikum', 08.06.2014

    Seit Januar 2015 ist offiziell Schluss mit Dumpinglöhnen: Das Mindestlohngesetz, kurz MiLoG, wurde verabschiedet und regelt, dass in Deutschland künftig 8,50 Euro – seit einer Erhöhung zum 1. Januar 2017 sogar 8,84 Euro brutto pro Stunde – an Arbeitnehmer und somit unter bestimmten Voraussetzungen auch an den Großteil der Praktikanten gezahlt werden müssen. Damit erhält man im Monat einen Bruttolohn von 1.414,40 Euro. Nach Abzügen von Steuern und Co. bleiben bei einer 40-Stunden-Woche netto um die 1.200 Euro im Monat übrig. Zum Vergleich: Bisher war es durchaus üblich, dass gerade bei kleineren Firmen Praktikanten auf Minijob-Basis mit 450 Euro vergütet wurden oder sogar zum Nulltarif Vollzeit gearbeitet haben.

  3. Welche Praktikanten bekommen den Mindestlohn?

    Jede Menge Praxiserfahrung sammeln und dabei mindestens 8,84 Euro die Stunde verdienen – das klingt für Studenten erst einmal nach einer runden Sache. Doch nicht jeder hat Anspruch darauf: Hier siehst du auf einen Blick, ob du im Praktikum den Mindestlohn bekommst oder nicht:

    Fall 1: Du machst ein Praktikum, das von deiner Schule/Ausbildung/Uni vorgeschrieben ist: Kein Anspruch auf Mindestlohn.

    Fall 2: Du machst ein freiwilliges Praktikum zur Orientierung, das länger als drei Monate dauert: Anspruch auf Mindestlohn.

    Fall 3: Du machst ein freiwilliges Praktikum, das kürzer als drei Monate dauert: Kein Anspruch auf Mindestlohn.

    Schreibst du deine Abschlussarbeit im Rahmen eines Praktikums in einem Unternehmen, gilt das übrigens nicht als Pflichtpraktikum. Hier entscheidet wieder die Länge, ob du Mindestlohn bekommst. Bist du unter 18, hast du grundsätzlich keinen Anspruch auf Mindestlohn, es sei denn, du hast eine abgeschlossene Berufsausbildung.

  4. Mindestlohn in anderen EU-Ländern.

    Was 2014 in Deutschland hitzig über das MiLoG diskutiert wurde, darüber können andere Länder nur müde lächeln:

    • Die Niederlande beispielsweise haben bereits 1894 die Einführung eines Mindestlohns angedacht. Seit Ende der 60er Jahre ist gesetzlich festgelegt, dass 9,11 Euro mindestens pro Stunde an Arbeitnehmer gezahlt werden müssen.

    • In Frankreich ist seit 1950 der Mindestverdient festgelegt und wird jedes Jahr am Jahresbeginn angeglichen – um die 9,50 Euro gibt es hier pro Stunde Arbeit, wodurch nicht nur die Existenz gesichert werden soll, sondern auch, dass jeder Arbeitnehmer an der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes teilhaben kann.

    • Ein Vor- und Spitzenreiter in Sachen Mindestlohn ist Luxemburg mit 11,10 Euro pro Stunde.

    • In Spanien geht es nicht ganz so großzügig zu: Hier liegt der gesetzliche Mindestlohn bei lediglich 3,91 Euro. Keinen Mindestlohn gibt es in den skandinavischen Staaten und auch unsere Nachbarn Österreich und die Schweiz verzichten bislang auf eine gesetzliche Festlegung der Lohngrenze – wobei es sich gerade in der Schweiz durchaus lohnen kann, ein Praktikum zu absolvieren, da dort die Verdienstmöglichkeiten grundsätzlich besser sind als in Deutschland.

    Insgesamt liegt Deutschland mit seinen 8,84 Euro Mindestlohn im europäischen Vergleich im vorderen Mittelfeld.

  5. Mindestlohn in der Kritik.

    Das Gesetz bedeutet das Aus der meisten sinnvollen Studentenpraktika

    Johannes Vogel, FDP Bundesvorstand, auf spiegel.de: '8,50€ nach sechs Wochen: Mindestlohn bedroht Betriebspraktika', 03.04.2014

    Der Mindestlohn hat bereits lange vor seiner Einführung für heftige Diskussionen gesorgt. Ursprünglich sollte er wesentlich strikter durchgesetzt werden: Freiwillige Praktika wären nur dann nicht unter den Mindestlohn gefallen, wenn sie höchstens sechs Wochen gedauert hätten. Viele Unternehmen sind auf die Barrikaden gegangen, weil sie fürchteten, dass sie das neue Gesetz in den Ruin treiben könnte. Die Wirkung des öffentlichen Drucks blieb nicht aus – die Grenze wurde auf drei Monate erhöht. Stimmen der Kritik sind dennoch von Beginn an nicht verstummt:

    In jedem Fall sollte ein Mindestlohn von den Tarifparteien ausgehandelt, nicht vom Gesetzgeber vorgegeben werden.

    Jürgen Fitschen, Co-Deutsche-Bank-Chef, auf welt.de: 'Deutsche Bank Chef hat Verständnis für Mindestlohn', 18.05.2014

    Deutschland hat ein sehr gut funktionierendes Modell des Zutritts zum Arbeitsmarkt nach der Uni. Es wäre traurig, wenn das durch den Mindestlohn Schaden nehmen würde.

    Anke Hassel, Professorin an einer privaten Hochschule, auf spiegel.de: '8,50€ nach sechs Wochen: Mindestlohn bedroht Betriebspraktika', 03.04.2014

    Die Studie belegt, dass Praktika nach wie vor anfällig für Missbrauch sind [...] Arbeitgeber sind sehr kreativ, wenn es darum geht, bei einem Praktikum den Mindestlohn zu umgehen.

    Florian Hagenmiller, DGB Jungsekretär, auf spiegel.de: Vier Monate Praktikum für 120 Euro, 07.08.2016

  6. Konkrete Folgen des Mindestlohns.

    Nach zwei Jahren Mindestlohn lassen sich erste Ergebnisse ablesen. Laut einer aktuellen Studie macht der Mindestlohn grundsätzlich zufriedener: Die Wertschätzung durch Vorgesetzte sei gestiegen und das Betriebsklima habe sich verbessert, so die Ergebnisse des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts. Die höheren Lohnkosten konnten scheinbar durch eine steigende Produktivität ausgeglichen werden. So weit, so gut – aber wie sieht es speziell bei den Praktikanten aus?

    Insgesamt sind um die 50.000 Praktikantenstellen weggefallen. Dabei gibt jedes sechste Unternehmen zu, dass der Mindestlohn der Grund für die Stellenkürzung war. Das betrifft vor allem große Unternehmen, die hauptsächlich längere Praktika anbieten – kleine und mittelständische Unternehmen hingegen haben die Zahl an kurzen, nicht mindestlohnpflichtigen Praktika sowie Pflichtpraktika aufrechterhalten können. Dennoch ist durch den Mindestlohn das durchschnittliche Praktikantengehalt signifikant gestiegen. Die Herausforderung der Zukunft wird sein, die Dauer und damit auch die Qualität der Praktika nicht vom Lohn abhängig zu machen – denn bei kurzen Praktika unter drei Monaten kann logischerweise nicht so viel gelernt und Verantwortung übernommen werden wie bei sechs Monaten in einem Unternehmen.

  7. So geht’s: Der Weg zum passenden Praktikum.

    Wir geben dir Tipps an die Hand, wie du deine ersten Praxiserfahrungen zum Erfolg werden lässt, und nennen dir konkrete Unternehmen, die Praktikumsplätze zu verschiedenen Konditionen anbieten.

    Praxistipp 1: Nicht den Kopf in den Sand stecken!

    Mach dir bewusst, dass es deine Ausbildung ist, bei der du dir nicht vom Mindestlohngesetz reinreden lassen solltest. Sieht dein Studium zum Beispiel kein Praktikum vor und findest du auch kein Unternehmen, das Langzeitpraktika anbietet, gib dich nicht dem Gedanken hin, dass „drei Monate sowieso nichts bringen“. Im Gegenteil: Versuche es als Ansporn zu nehmen, in der kurzen Zeit so viel wie möglich zu lernen. Das nützt nicht nur dir selbst, sondern zeigt auch deinem Arbeitgeber, dass du eine wichtige Kraft im Unternehmen bist – und wie heißt es so schön: Man sieht sich immer zweimal im Leben!

    Praxistipp 2: Gezielt nach Unternehmen suchen, die den Mindestlohn zahlen!

    Während Daimler, BASF, Linde oder Nestlé den Mindestlohn an Praktikanten zahlen, setzen Lufthansa oder Henkel auf Pflicht- und Kurzzeitpraktikanten. Auf der Suche nach einem mit Mindestlohn vergüteten Praktikum lohnt es sich auch, sich initiativ zu bewerben.

    In der Automobilbranche beispielsweise stehen die Chancen gut, dass du ein Praktikum findest, bei dem du den Mindestlohn bekommst, zum Beispiel außer bei Daimler auch bei Rolls-Royce oder BWM. Doch nicht nur wer eine Affinität zu Motoren hat, wird fündig. Nestlé bietet regelmäßig Praktika an, zum Beispiel im Marketing oder in der Produktentwicklung. Und der Wirtschaftsprüfungs-Experte PwC ist in Sachen Praktika zum Mindestlohn ganz vorne mit dabei: Hier kannst du dich zum Beispiel im Bereich Business Development oder im Consulting bewerben.

    Praxistipp 3: Nicht vor kurzen Praktika in Start-ups zurückschrecken!

    Die Frage ist doch: Lernkurve vs. Cash. Ein Praktikum bei einem Start-up bedeutet anpacken und schnell Verantwortung zu übernehmen

    Maria Spilka, Mitbegründerin des Online-Marktplatzes Mädchenflohmarkt, auf gruenderszene.de: 'Das sagen Startups zum Mindestlohn für Praktikanten', 04.07.2014

    Zwar sind nur wenige Firmen bereit, den Mindestlohn uneingeschränkt zu zahlen. Das heißt aber lediglich, dass du dich auf einen kürzeren Zeitraum einstellen musst. Wenn es finanziell möglich ist, solltest du dir die Chance nicht entgehen lassen, bei einem Start-up ein Praktikum zu absolvieren. Durch flache Hierarchien kann man davon ausgehen, dass die Lernkurve steil ist und schon früh Verantwortung übertragen wird; anders als in vielen Großunternehmen, in denen die Mühlen langsamer mahlen. Dazu ein junges dynamisches Team und viel Raum für innovative Ideen – eine Erfahrung, die dich auch in kurzer Zeit viel weiterbringen kann.

    Hier findest du eine Auswahl an Start-ups, die Praktika in deutschen Großstädten für drei Monate anbieten:

    • Bei windeln.de in München werden regelmäßig Praktikanten aus den unterschiedlichsten Bereichen gesucht, zum Beispiel im Marketing, Einkauf oder E-Commerce.

    • Werde Teil des Netzes von Flixbus: Die beliebte Busgesellschaft stellt regelmäßig in München und Berlin ein, zum Beispiel im Bereich PR, im Controlling oder im Online Marketing.

    • Bei Dormando in Frankfurt am Main, einem Online Shop für Matratzen und sonstigen Bettwaren, kannst du in der Online Redaktion, im Bereich SEO oder im Webdesign aufgeweckt deine Skills unter Beweis stellen.

    • Dein Herz schlägt für Fashion und Streetwear? Dann passt du gut ins Team von brand-store.de in der Rheinmetropole Köln: Hier kannst du zum Beispiel im Bereich E-Commerce oder im Online Marketing durchstarten.

  8. Fazit: Anpacken & durchstarten.

    Nach wie vor wird der Mindestlohn diskutiert, gerade auch in Bezug auf Praktikanten. Da aber das ganz große Stellen-Sterben bis jetzt ausgeblieben ist und das Mindestgehalt viele positive Auswirkungen hat, ist mit weitreichenden Anpassungen wohl erst einmal nicht zu rechnen.

    Die wichtigsten Gründe für ein Praktikum sind neben der Vergütung der Lernerfolg, das Verbessern des Lebenslaufs und das Kennenlernen spezifischer Branchen. Diese Motivationen stehen auf Platz 1 bis 3 und damit über der Bezahlung von Praktikanten. Daher gilt: Mach das Beste draus! Der Mindestlohn ist längst beschlossene Sache und selbst wenn Änderungen in der Zukunft noch möglich sind, sollten Unternehmen und Praktikanten sich mit der aktuellen Lage anfreunden und sie für sich nutzen, die Zukunft anpacken und die positiven Aspekte wie die soziale Gerechtigkeit im Auge behalten.